Lernen Sie Ihren Hund zu verstehen!

Monats-Archive: August 2013

Finley – Italienisches Windspiel – Umweltängste

Finley Foto: Verena Könke-Kühlkamp

Finley
Foto: Verena Könke-Kühlkamp

Unsere Leidenschaft sind die Windhunde, insbesondere die Galgos aus Spanien. Bis vor 7,5 Jahren hatte ich überhaupt keine Hundeerfahrung, als unser erster Pflegehund einzog, ein vom Leben bzw. Menschen schwer gebeutelter, einige Jahre alter Galgoherr, unsicher, ängstlich gegenüber Menchen, unsicher gegenüber Hunden. Ich habe viel mit Robyn  gearbeitet, im Laufe der Jahre mehrere Pflegehündinnen gehabt, von denen eine hängen blieb, die auch nicht einfach war. Unser Robyn war die letzten Jahre zwar ein sehr ruhiger, aber in sich ruhender, freundlicher, zufriedener Hund, der den Menschen sehr zugetan war.

Ich glaube also, dass ich nicht ganz ohne Hundewissen bin und war, als ich mir einen Traum erfüllte und vor zwei Jahren ein Italienisches Windspiel von einer Züchterin ins Haus holte. Der Kleine war leider schon 13 Wochen alt und ich war mir bewusst, dass es schwierig werden könnte, da er uns auch schon mit sechs Wochen, als wir ihn besuchten, angeknurrt hat. Problem war, dass er zwar liebevoll aufgezogen wurde, aber Einzelwelpe war und die Züchterin zwar alles für ihre Hunde tut, aber bei einem Einzelwelpen sehr viel mehr Sozialisation nach außen nötig ist und spezielles Training, so lange er noch ganz klein ist.

Finley zeigte sich von Anfang an unsicher und ängstlich draussen gegenüber fremden Hunden und Menschen, er orientierte sich nicht an uns, wie das normalerweise ein Welpe tut, sondern kontrollierte und scannte, so klein wie er war, die Umgebung und handelte auf eigene Faust.

Ich habe versucht, alles umzusetzen, was ich wusste, er ging mit meinem Mann in die Welpenschule, die wir abgebrochen haben, da er im Freilauf entweder von größeren Welpen gejagt wurde oder die anderen nicht mit ihm spielen wollten, weil er nur rannte, zu schnell war und das Spielen und Balgen miteinander nicht kannte. In den Übungsstunden draussen konnten wir ihn nicht für den Freilauf ableinen.

Also ging das Training allein weiter. Der Grundgehorsam war kein Problem, Finn ist folgsam, nur seine Ängste blieben.

Letztes Jahr zogen wir dann von Niedersachsen ins Sauerland. Anfang Januar 2013 musste unsere Hündin, die Bezugshund und Spielpartner für Finn war, eingeschläfert werden. Ein Pflegegalgo zog ein, ein sehr lieber, lustiger aber auch stürmischer kastrierter Rüde. Finn versuchte ihn von Anfang an zu kontrollieren, er war hin und her gerissen zwischen Rennen wollen und Angst haben, weil Figo so stürmisch war. Ich hatte Angst, dass es unserem Pflegehund irgendwann zuviel werden und er Finn angreifen könnte.

Eine normale Hundeschule kam für mich nicht mehr infrage, da ich auch mit meiner Hündin in zwei Hundeschulen nach Schema F keine Lösung für ihr Verhalten fand. Windhunde sind einfach anders! Die Tierärztin empfahl mir dann Bettina. Erst beäugte ich das Ganze misstrauisch, braucht mein Hund eine Psychologin? Was macht die?

Das Erstgespräch war lang und aufschlussreich. Eine Anamnese und Therapieplan wurde erstellt. Nach manchen Stunden dachte ich – und, was hat das jetzt gebracht, was haben wir heute erarbeitet? Aber das Verhalten von Finn änderte sich, weil ich auf bestimmte Dinge achtete. Hatte er mich manchmal in die Verzweiflung getrieben, weil ich nicht verstand, warum ein Hund, der unter wesentlich besseren Umständen aufgewachsen ist, als die meisten Galgos je erleben dürfen, solche „Macken“ zeigt, konnte ich ihn langsam verstehen. Eine Stunde war das absolute „Aha“-Erlebnis“. Ich hatte immer Angst um Finn, weil er allein auf andere, größere Hunde zulief, sich steif machte und knurrte – es hätte ja sein können, dass er irgendwann gepackt wird. Also habe ich immer versucht, andere große, unangeleinte Hunde wegzuschicken, wie ich es in der Hundeschule gelernt habe. Das gelang mir aber oft nicht. In dieser Stunde kam ein großer Retriever geradewegs auf uns zugelaufen, ich in Panik nach vorne, wollte ihn wegschicken, er ließ sich nicht beirren. Bettina griff ein und sagte mir, dass dieser Hund völlig entspannt sei und ich Finn laufen lassen sollte. Es ging alles gut! Finn zeigte dem anderen, dass er auf Abstand bleiben sollte. Das tat er, Finn entspannte sich! Später, in einer anderen Begegnung an der Leine, ließ sich Finn von mir abschirmen und staunte darüber, dass sein Frauchen ihn beschützen konnte. Das hatte er vorher nicht zugelassen oder nicht ernst genommen.

Seitdem machen wir immer wieder kleine Fortschritte, mal bringt er mich wieder zur Verzweiflung (und ich ihn bestimmt auch), aber er ist mutiger gegenüber Menschen und manchen Hunden geworden und ich kann ihm mehr vertrauen. Der Weg ist noch lang, aber ich denke, aus Finn kann ein „normaler“, glücklicher Hund werden. Das hätte ich mit einem normalen Hundetraining nicht geschafft!

 

Verena Könke-Kühlkamp