Lernen Sie Ihren Hund zu verstehen!

Der Jahreswechsel und die Angst unserer Hunde

Jedes Jahr zu Silvester wimmelt es vor Tipps und Weisheiten in den Medien. Auch gut gemeinte Tricks, von anderen Hundehaltern, werden an Besitzer von geräuschempfindlichen Hunden weiter gegeben. Einige dieser Tipps können Ihrem Hund aber mehr schaden als helfen. Ich möchte versuchen die am weitverbreitetsten Tipps aufzulisten und Ihnen helfen sich im Falle eines – mit Sicherheit gut gemeinten, aber vielleicht nicht sinnvollen Rates- Klarheit zu verschaffen.

1. Darf man den Hund trösten, wenn er Angst vor Gewitter oder Silvesterknallern hat?

Ja! Auch wenn immer wieder, teils sogar von Trainern oder medizinischem Fachpersonal davon abgeraten wird. Nicht alle Fachleute sind auf dem neuesten Stand. Das ist in jedem Beruf so. Schauen wir uns zunächst einmal an was Trost eigentlich ist.
Trost ist eine Form der sozialen Unterstützung und hat eine beruhigende, ja sogar schutzspendende Wirkung. Der Trost ist ein uraltes Verhalten in der Geschichte der Säugetiere. Ein Verhalten, das sich nicht bis heute gehalten hätte, wäre es sinnlos. Diese Art der Fürsorge kommt auch bei Hunden vor, die ja auch zu den Säugetieren gehören. Hunde erkennen Trost und kommen zu uns Menschen, um Trost und Schutz zu suchen. Es ist nicht wahr, dass Trost die Angst bei Hunden verstärkt. Das Gegenteil ist der Fall! Trost hilft Angst zu lindern.
Trost sollte aber nicht mit Mitleid verwechselt werden. Mitleid kennen Hunde tatsächlich nicht und bekommen das Gefühl, dass wir Menschen auch bemerken das Gefahr droht. Hierbei verstärkt sich dann die Angst. Trösten? Ja. – Mitleid? Nein!
Was können Sie also tun? Belagern Sie Ihren Hund nicht mit Tränen des Mitleids in den Augen. Sucht er Schutz, dann gewähren Sie ihm Schutz. Sie wissen ja das an Silvester nicht die Welt untergeht, haben also keine Angst. Ignorieren Sie die Böller, ABER niemals Ihren Hund! Streicheln und beruhigen Sie Ihren Hund. Bitte achten Sie beim Streicheln darauf, dass er auch wirklich angefasst werden möchte. Sonst fügen Sie ohne es zu wollen etwas unangenehmes für Ihren Hund hinzu. Wenn er sich unter dem Tisch verkriechen möchte, lassen Sie ihm bitte seinen Rückzugsort.

2. Den Hund in ein dunkles Zimmer sperren, damit er die Raketen nicht sieht?

Bitte nicht! Lassen Sie Ihren Hund nicht in seiner Angst alleine. Für Ihren Hund sind sie ebenso ein wichtiger Sozialpartner, wie er es für Sie ist. Er ist von Ihnen abhängig. Sie füttern ihn, streicheln ihn, sorgen dafür das er raus kann, spielen mit ihm, bieten ihm Sicherheit. Ihr Hund empfindet sie sozusagen ein wenig als Quelle des Überlebens. Wie muss es sich anfühlen, wenn diese Quelle in, für den Hund als lebensbedrohlich empfundenen, Situationen entzogen wird?
Übrigens ist Angst ein Überlebensmechanismus, der willentlich nicht gesteuert werden kann. Angst kann urplötzlich bei einem auslösenden Reiz auftreten. Jederzeit, in jedem Alter und auch bei Hunden die zuvor niemals Angst bei Gewitter oder Silvester hatten. Seien Sie darum in diesen Tagen besonders vorsichtig, was den Freilauf Ihren Hundes angeht und lassen Sie ihren Hund grundsätzlich an Silvester nicht alleine.

3. Gib ihm doch ein  Beruhigungsmittel?

Vorsicht bitte bei Beruhigungsmitteln! Natürlich gibt es welche die Ihrem Hund helfen. Der Markt hat da eine ganze Palette zu bieten. Leider sind einige davon absolut nicht zu empfehlen.
Medikamente mit dem Wirkstoff Acepromazin z.B. Dieses Medikament lähmt die Muskeln des Hundes. Gleichzeitig ist der Hund bei Bewusstsein und eine Nebenwirkung des Medikamentes ist eine erhöhte Wahrnehmung von Geräuschen. Ihr Hund liegt für Sie also völlig ruhig und benebelt wirkend in der Ecke. Was sie nicht sehen ist die innere Qual Ihres geliebten Tieres! Er hört die Geräusche noch lauter und hat noch mehr Angst. Gleichzeitig kann er sich nicht mehr bemerkbar machen oder gar fliehen. Bitte schicken Sie ihn niemals in diese psychische Hölle!
Mir bekannte Medikamente die diesen ungünstigen Wirkstoff enthalten:
Sedalin, Vetranquil, Prequillan und Calmivet
Ihr Tierarzt kennt sicher gute Alternativen. Auch ein Tierheilpraktiker kann Ihnen etwas zur Unterstützung empfehlen.

4. Der Hund muss da durch, nimm ihn mit raus um 0:00 Uhr?

Angst wird nicht weniger, wenn man einem sich ständig wechselndem, unkontrollierbaren Reiz (Knallen, Heulen, Zischen, Geruch von Feuer und Schwefel) ausgesetzt wird, ohne die Möglichkeit zu fliehen. Allerdings könnte sich die Angst verändern und zu einer unkontrollierbaren Panik werden und möglicherweise zum Biss führen. Ihr Hund sollte also auf gar keinen Fall “da durch” müssen. Sie erinnern sich bestimmt was weiter oben über Trost und Schutz geschrieben wurde. ;-)
Was können Sie langfristig tun, wenn Sie einen ängstlichen, geräuschempfindlichen Hund haben?
Holen Sie sich rechtzeitig Hilfe. 1 Woche vor Silvester ist definitiv zu spät. Mit Hilfe einer Verhaltenstherapie und entsprechendem Training können Sie ihrem Hund helfen. Ganz gleich ob er von seiner Art her geräuschempfindlich ist oder durch eine negative Erfahrung traumatisiert wurde.

Eine Liste von gewaltfrei arbeitenden Trainern und Therapeuten, die Ihnen diese Hilfe bieten können finden Sie hier: Klick
Ich wünsche Ihnen und Ihren Tieren einen stress- und angstfreien Rutsch ins neue Jahr! Möge der nächste Jahreswechsel unter deutlich besseren Bedingungen stattfinden!
Mit den besten Wünschen
Bettina Meisterjahn